Aktuelles Nachwort 2012

Nachwort zur Taschenbuchausgabe „Die Öko-Lüge“ 2012

Am Grundmuster des »Greenwashing« hat sich seit der Erstveröffentlichung dieses Buches im Sommer 2009 nichts geändert: Es ist eine auf den ahnungslosen Verbraucher zielende Verschleierungs- und Irreführungsmethode der »Dinosaurier«-Industrien im Energie-, Automobil- und Finanzmarkt. Und im Ernährungs-, Kosmetik- und Textilbereich will man jüngere kaufkräftige Schichten über ein vorgegaukeltes grünes und soziales Image erreichen. Doch so einfach sich die Strategen der Werbe- und Marketingabteilungen eine Beeinflussung der Verbraucher vorstellen, ist es nicht. Die sozialen Auswirkungen der Finanzkrise haben die Menschen empfindsamer und auch kritischer gegenüber schönfärberischen Versprechen und Prophezeiungen von Energiekonzernen und der Finanzwirtschaft werden lassen. Dutzende Lebensmittelskandale und auch Betrügereien im Biobereich machen den Konsumenten hellhörig und lassen ihn genauer hinschauen. Die neoliberale Ideologie – ein sich selbst überlassener Markt würde alles zum Wohle aller richten – ist brüchig geworden. Viele umgehängte grüne Mäntelchen und Greenwashing-Kampagnen erweisen sich nun als das, was sie wirklich sind: durchsichtige Ablenkungsmanöver und Schwindeleien mit Methoden bis hin zur Volksverdummung. Wer einmal lügt, dem glaubt man nimmer…

Ein echter Wandel zu einer ökologischen und nachhaltigen Wirtschafts- und Konsumweise ist hingegen überfällig. Genau 40 Jahre, nachdem der Club of Rome seinen ersten Bericht »Die Grenzen des Wachstums« vorlegte – in dem er eindringlich vor der Endlichkeit natürlicher Ressourcen warnte –, veröffentlichte die gemeinnützige Organisation nun den Report »2052«. Die Wissenschaftler kommen zu erschreckenden Prognosen: Der Ausstoß von klimarelevanten Treibhausgasen wird noch bis zum Jahr 2030 weiter zunehmen und erst dann sinken, mindestens 15 Jahre zu spät. Die Folgen sind bekannt: Die Erde wird sich weiter erwärmen, die Meeresspiegel steigen und extremes Wetter, verheerende Dürren und Überflutungen nehmen zu. Für einen großen Teil der Menschheit bedeutet dies noch mehr Armut, Hunger und Leid und für die Natur weitere unwiderrufliche Zerstörung.

Dessen ungeachtet sprengen hunderte Milliarden Euro schwere »Hilfs«- und »Rettungsfonds« für angeblich notleidende Banker die öffentlichen Haushalte und verhindern dringend notwendige Investitionen in eine »green economy«, den Umweltschutz und den Ausbau erneuerbarer Energien. Ein fast schon religiöser Glaube an die »freie Wirtschaft« und unbegrenztes Wachstum hält die Welt weiter im Klammergriff und droht sie zu zerstören. Einige Akteure werden (leider nur) aus Schaden klug: So musste es im März 2011 erst zur Nuklearkatastrophe in Fukushima kommen, damit Deutschland endlich aus der Atomkraft aussteigt. Kurz zuvor sah es noch ganz anders aus. Die im Buch beschriebene fortgesetzte Greenwashing-Kampagne der Atomlobby hatte ihr Ziel der Laufzeitverlängerung erreicht: Der bereits Ende 2009 im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP vereinbarte »Ausstieg aus dem Ausstieg« der Kernenergie wäre beinahe Realität geworden. Der Deutsche Bundestag beschloss am 28. Oktober 2010 mit schwarz-gelber Mehrheit, dass die Betriebszeiten der vor 1980 gebauten sieben Anlagen um acht Jahre und die der zehn übrigen Atomkraftwerke um 14 Jahre verlängert werden. Diese elfte Änderung des Atomgesetzes, die Mitte Dezember 2010 in Kraft trat, wurde angesichts des Gaus in Japan und massiver Proteste in der Bevölkerung bereits wenige Monate später über ein Atom-Moratorium ausgesetzt. Am 30. Juni 2011 stimmte dann der Bundestag mit großer Mehrheit für den endgültigen Atomausstieg und das erneut geänderte Atomgesetz trat Anfang August 2011 in Kraft.

Auch eine weitere Ökolüge kam in den letzten Jahren ins Straucheln: Ab Januar 2011 sollte nach dem Willen der Bundesregierung an allen deutschen Tankstellen die neue Super-Benzinmischung E10 eingeführt werden. Sie enthält einen zehnprozentigen Anteil von Ethanol aus Energiepflanzen wie Raps, Mais oder Zuckerrohr. Die Kraftstoffhersteller zögern jedoch bei der flächendeckenden Umsetzung dieses »Biosprits« und der deutsche Autofahrer befürchtet Motorschäden und geringere Leistung. Angenommen wird der neue Sprit vom Verbraucher offensichtlich nicht. Das ist auch gut so, aber aus anderen Gründen: Denn auch E10 ist weder ökologisch noch nachhaltig. »Eine groß angelegte Expansion von Biokraftstoffen der ersten Generation als Treibstoff schafft einen enormen Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen und Wasser, mit potenziell erheblichen negativen sozialen und ökologischen Folgen wie steigende Lebensmittelpreise, Entwaldung und Erschöpfung von Wasserressourcen, welche die positiven Effekte überwiegen könnten«, heißt es im Weltagrarbericht. Die Produktion von Agrartreibstoffen aus Mais und Raps ist dank staatlicher Beimischungs-Vorgaben und Subventionen vor allem in Europa und Nordamerika ein riesiges Geschäft geworden. In den USA wandert bereits ein Viertel der Maisernte in die Ethanol-Raffinerie. »Die US-Regierung zahlt nach Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO pro Liter Ethanol durchschnittlich 28 US-Cent zu, bei exportiertem Biodiesel sind es sogar bis zu 55 US-Cent. Zusätzlich erlässt sie den Ölkonzernen 13,5 Cent an Steuern auf jeden verkauften Liter Ethanol«, schreibt Wilfried Bommert in seinem empfehlenswerten Buch »Kein Brot für die Welt«. Und noch eines ist in den letzten Jahren klar geworden: Wo Pflanzen für den Tank angebaut werden, können keine Nahrungsmittel wachsen. Angesichts begrenzter Anbauflächen und Wasserressourcen steht Agrarsprit daher in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und fördert industrielle Monokulturen mit ihren negativen Folgen für die ländliche Struktur und Umwelt.

Der Labeldschungel ist hingegen in den letzten Jahren nicht lichter geworden. Hier tummeln sich nach wie vor über 1.000 verschiedene Kennzeichnungen, Gütesiegel und Ökozertifikate – und es werden eher mehr als weniger. Wenn sich hinter den Labeln nicht nur heiße Luft versteckt, dann jeweils andere Standards. Sie ernsthaft zu vergleichen, überfordert den Verbraucher. Auf eine gesetzliche Regelung von Mindeststandards, wie einzig beim europäischen Bio-Siegel für Lebensmittel, oder eine neutrale Kontrollstelle wartet man nach wie vor vergebens. So dürfen die Stromkonzerne weiterhin mit unechten „Ökostrom“-Produkten werben und die Textilhersteller Kleidungsstücke aus vorgeblicher „Bio-Baumwolle“ anpreisen. Automobilkonzerne täuschen „umweltfreundliche“ Autos vor und Flugkonzerne behaupten ungestraft „klimafreundlich“ zu sein, da sie – wie die Lufthansa – nun auch „Bio-Kerosin“ in die Atmosphäre blasen.

Bei Lebensmitteln hält der Erfolgskurs der Bio-Branche trotz zunehmender Skandale und Betrügereien weiter an. Knapp 60 Milliarden US-Dollar wurden 2011 international mit Bio-Waren erwirtschaftet. Allein der deutsche Bio-Markt legte um neun Prozent auf 6,59 Milliarden Euro Umsatz zu. Davon profitiert allerdings nicht der unabhängige Bioladen, sondern viel mehr Lebensmittelkonzerne, die ansonsten mit ökologischen Produkten wenig am Hut haben. Bio ist ein großes Geschäft, das den Gesetzen des Massenmarktes unterworfen wird. Bislang gab es nur wenige Untersuchungen zu dieser Entwicklung. In Österreich hat nun der junge Journalist und Agrarbiologe Clemens G. Arvay genauer hingeschaut. In seinem empfehlenswerten Buch „Der große Bio-Schmäh – Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“ deckt er zahlreiche Beispiele einer „Mogelpackung Bio“ auf, berichtet von Bio-Hühnerfabriken, hinterfragt eine „biologische Ursprungsgarantie“ und beschreibt, wie konventionelle Konzerne die ursprüngliche Bio-Idee verändern. Und er nennt Zahlen: Der Löwenanteil – 91,5 Prozent – des Geldes ernährungsbewusster Verbraucher landete im Jahr 2010 in den Händen der größten Lebensmittelkonzerne des Landes. Die restlichen 8,5 Prozent mussten sich die österreichischen Bio-Läden und Reformhäuser untereinander teilen.

Es gibt nach wie vor viel zu wenige deutsche Bio-Betriebe, um den großen Hunger nach unbelasteten Lebensmitteln zu sättigen. Daher wird immer mehr importiert, vor allem aus Osteuropa, Spanien und Italien. Die Importquote lag nach Angaben des Bioland-Verbandes Anfang 2011 bereits bei 30 bis 40 Prozent insgesamt, bei Obst und Gemüse sogar bei über 50 Prozent. Die nötigen Qualitätskontrollen durch private Aufsichtskonsortien sind dabei oftmals zu lax oder auch käuflich. Das belegt der bis heute größte Bio-Skandal von Anfang Dezember 2011: Die italienische Finanzpolizei deckte einen riesigen Betrug mit vermeintlichen Bio-Produkten auf. Eine siebenköpfige Bande von Händlern und Kontrolleuren hatte seit 2007 europaweit insgesamt 700.000 Tonnen Futtermittel, frisches Obst und Getreide im Wert von 220 Millionen Euro mit gefälschter Bio-Kennzeichnung verkauft.

Im hart umkämpften Kontrollmarkt ist das Risiko aufzufliegen gering und der Gewinn groß. Die Zertifikate sind die Schwachstelle der Branche. Die zugelassenen privaten Unternehmen werden nämlich von jenen Produzenten bezahlt, die sie kontrollieren sollen, und zwar nach der Größe der zu untersuchenden Flächen. Der Anreiz zu pfuschen lockt gerade auch im Geschäft mit Eiern. Von 2010 bis 2012 ist der Bioanteil um etwa 30 Prozent gestiegen und ein Ei aus Bio-Haltung erbringt oftmals einen doppelten Preis wie eins aus Käfig-Haltung. Im April 2012 fanden Prüfer ein Dioxingift in Eiern von einem Bio-Hof in Nordrhein-Westfalen. Die Eier aus zwei von vier Ställen wiesen eine bis zu sechs Mal über dem Grenzwert liegende Konzentration von polychlorierten Biphenylen (PCB) auf. Der Erzeuger wusste wohl schon länger davon. Bereits Ende 2010 hatten überhöhte Dioxinwerte die Verbraucher verunsichert. Das Gift stammte damals aus verseuchten Futtermitteln.

Echte Öko-Ware wird zwar generell besser kontrolliert als konventionelle, insbesondere wenn sie neben den EU-Anforderungen auch die höheren Kriterien der Anbauverbände erfüllt, aber auch hier kann nichts wirklich garantiert werden. Biobetriebe produzieren ja nicht im luftleeren Raum. Das zeigt das Beispiel der Belastung mit ESBL-Keimen in Bio-Fleisch. Stern TV fand im März 2012 in zwei von zehn Proben Bio-Schweinefleisch und in 17 von 28 Proben Bio-Hühnerfleisch – teilweise von Bioland-, Demeter- und Naturlandbetrieben – solche antibiotikaresistenten Bakterien. Die industrielle Tierhaltung mit ihrem hohen Antibiotika-Einsatz gilt als Ursache: Durch belastete Gülle von Nachbarfeldern, über die Abluft von Ställen und Kontakt in Schlachthöfen können die Keime übertragen werden.

Trittbrettfahrer der Ökowelle versuchen mit irreführenden Werbebotschaften auch etwas vom Bio-Kuchen abzubekommen. Produktmerkmale wie regionale Herkunft, Umweltschonung und gute Produktionsbedingungen werden straffrei gnadenlos ausgereizt: „Weidemilch“ aus Brandenburg stammt aus vielen Regionen Deutschlands, Wildsalami besteht zu großen Teilen aus Schweinefleisch und ländlich-idyllische Markennamen wie „Bauernglück“ und „Wiesenhof“ verschleiern brutalste Massentierhaltung und ausufernden Antibiotikaeinsatz. Doch nun könnte solchen Schwindeleien endlich ein Riegel vorgeschoben werden: Die im Dezember 2011 in Kraft getretene EU-Verbraucher-Lebensmittelinfo-Verordnung regelt europaweit einheitliche Lebensmittel- und Nährwertkennzeichnungen ab Ende 2014 bzw. Ende 2016 zwingend und verbindlich. Mit seiner begrüßenswerten Initiative „Klarheit und Wahrheit bei der Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln“ informiert das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bereits über die neuen Kennzeichnungen, um besser vor Täuschungen zu schützen und Unternehmen im Wettbewerb zu stärken, die ihre Produkte verbraucherfreundlich beschriften. Dazu dient als Teil der Initiative auch das empfehlenswerte Internetportal www.lebensmittelklarheit.de. Das Portal wird von der Verbraucherzentrale Bundesverband und der Verbraucherzentrale Hessen betrieben. Konsumenten können online Produkte nennen, von denen sie sich getäuscht fühlen: Seit dem Start des Portals am 20. Juli 2011 gingen bis April 2012 bereits über 5.000 Produktmeldungen und mehr als 2.500 sonstige Anfragen ein.

Bald wird es auch einfacher werden, Öko-Lebensmittel schnell und sicher als echte Bioware zu erkennen. Wissenschaftler aus elf europäischen Ländern entwickeln seit Oktober 2011 im Forschungsprojekt „Authentic Food“ ein entsprechendes Analyseverfahren. Ab 2014 könnten dann Fälschungen und Bio-Betrug besser Einhalt geboten werden.

Freunde von Biowein sehen mittlerweile auch klarer. Nach über sechs Jahren ist nun endlich die EU-Bio-Weinverordnung erlassen. Bislang war nur festgelegt, dass Bio-Wein aus ökologisch angebauten Trauben gekeltert wird. Was anschließend im Weinkeller mit dem Rebensaft passiert, war ungeregelt. Nun nennt die Verordnung nicht erlaubte Verfahren, bestimmt die Mindestporengröße für Filter und Zentrifugen und listet alle erlaubten Zusatz- und Hilfsstoffe auf, ein Drittel weniger als bei konventionellen Winzern. Streitpunkt war bis zuletzt die Schwefelung von Biowein. Die Richtlinien der Bio-Verbände erlaubten den Zusatz von Sulfit im Rahmen der auch für konventionelle Winzer geltenden Höchstgrenzen. Das sah die EU-Kommission anders und bestand auf einer drastischen Senkung, da Verbraucher erwarten können, dass Biowein kein Sulfit enthält. Nach dem nun gefundenen Kompromiss liegt der Sulfit-Grenzwert für Bio-Wein um 30 Milligramm pro Liter niedriger als bei konventionellem.

Erfolgreich war jüngst das gerichtliche Vorgehen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gegen eine Ökolüge: Nach den Handelsketten ALDI Nord und Süd musste nun auch die REWE Markt GmbH eine strafbewehrte Unterlassungserklärung gegenüber den Verbraucherschützern abgeben. Darin verpflichtet sich das Unternehmen, seine bislang als „biologisch abbaubar“ beworbenen Plastiktüten nicht mehr als „100% kompostierbar“ und „soweit wie möglich aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt“ zu bezeichnen. Auch die irreführende Behauptung, dass REWE und ihre Kunden mit den Plastiktüten „gemeinsam Gutes tun“ ist zu unterlassen. Die DUH hatte im April 2012 auf die irreführende Werbung mit den Bio-Plastiktüten hingewiesen und die Handelsketten wegen Verbrauchertäuschung abgemahnt. „Entgegen dem auf den Tüten bewusst vermittelten Eindruck von Nachhaltigkeit, sind die Einwegplastiktüten weder umweltfreundlicher als herkömmliche Plastiktüten, noch werden sie in deutschen Kompostierungsanlagen regelmäßig kompostiert“, sondern als Störstoffe aussortiert und entsorgt, schreibt die Umweltorganisation.

Man sieht: Auch Ökolügen haben kurze Beine und Greenwashing lohnt sich auf Dauer nicht.

Stefan Kreutzberger

Bonn im Mai 2012

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